Der Advent und die Sache mit der Zeit

Der Advent und die Sache mit der Zeit

Alle Jahre wieder lädt die Adventszeit zu Besinnlichkeit und Entschleunigung ein. Die Tage werden kürzer und dem natürlichen Rhythmus entsprechend ist es die Zeit für mehr Ruhe und Innenwendung. Doch unsere Realität sieht anders aus.

Überall herrscht hektisches Treiben. Die Straßen sind so voll wie zu keiner anderen Zeit im Jahr. Alles scheint unterwegs zu sein, um noch schnell dies und das zu erledigen. Die Menschen hetzen von Termin zu Termin und wirken eher gestresst als besinnlich. Häufig höre ich Sätze wie: „Vor Weihnachten habe ich keine Zeit mehr“. Die Terminkalender sind voll – das Gegenteil von Entschleunigung.

Unsere Zeit wird immer schneller

– nicht nur im Advent. Wir packen immer mehr hinein, einzelne Dinge benötigen immer weniger Zeit als früher. Dennoch haben wir das Gefühl, uns bleibt immer weniger. Die Mehrheit rennt ständig „der Zeit hinterher“ und versucht, Zeit einzusparen. Zeit investieren, Zeit gewinnen, Zeit verlieren – so denkt unser Verstand. Zeit empfinden wir als eine begrenzte Ressource. Wir glauben, wir können darüber verfügen, sie einteilen, sie effizient einsetzen, sie investieren, um am Ende mehr davon zu bekommen. Doch dieses Denken ist eine Erscheinung unserer Leistungsgesellschaft, der materiellen Welt, in der es um immer mehr, immer schneller, immer weitergeht. Insbesondere bei Menschen, die sehr im Außen leben und noch stark mit ihrem Ego identifiziert sind, ist dies zu beobachten.

Spätestens am Ende unseres Lebens verändert sich jedoch der Blick auf die Zeit. In meinem persönlichen Umfeld setzen sich gerade einige Menschen mit der Endlichkeit ihres Lebens auseinander. Geburtstage führen uns vor Augen, dass die Uhr tickt und die Zeit begrenzt ist. Wieder ein Jahr unserer Lebenszeit vorbei. Tick. Tack. Viele Menschen haben damit ein großes Problem.

Was also können wir tun? Möglichst gesund leben, um unser Leben zu verlängern? Eine Garantie bietet das nicht. In meinem Umfeld gab es in der letzten Zeit einige plötzliche Todesfälle von Menschen, um die 50, die mitten im Leben standen, augenscheinlich gesund waren und noch viel vorhatten. Das löste bei ihrem Umfeld neben der Trauer auch Erschrecken aus – führt es jedem einzelnen doch radikal die Endlichkeit des eigenen Lebens vor Augen – nicht planbar, nicht beeinflussbar.

Die Sache mit der Zeit begegnet mir häufig in Coachings mit meinen Klienten. In einer Coachingsitzung kamen wir auf das Bild eines Kuchens. Der Klient hatte das Gefühl, die Zeit eines Tages wie Kuchenstücke verteilen zu müssen. Tag für Tag gab er jedes Stück vom Kuchen weg und abends blieb kein Stück mehr für ihn selbst übrig. Er hatte das Gefühl, ständig seiner Zeit hinterherzurennen und doch nie genug zu bekommen egal wie schnell und effizient er auch war. Doch Zeit ist relativ. Sie ist kein Kuchen, den wir aufteilen müssen. Unser Leben in Zeiteinheiten zu pressen, ist eine Erscheinung unserer Gesellschaft. Eine Illusion.

Nur wenige Menschen leben in dem Bewusstsein, „Zeit zu haben“. Wie kann uns das gelingen?

Der Schlüssel liegt in unserer Präsenz im gegenwärtigen Augenblick. Denn Zeit ist in Wirklichkeit nicht objektiv, nicht rational, sondern unterliegt dem subjektiven Empfinden. Minuten können uns wie eine Ewigkeit vorkommen oder eben unbemerkt verfliegen – je nachdem in welchem Zustand wir sie erleben. Das Erleben ist der Schlüssel zu unserem Zeitempfinden. Erleben wir achtsam und bewusst, sind wir gegenwärtig und präsent, dann erscheint uns die Zeit länger und erfüllter. Sind wir unbewusst, ständig mit den Gedanken in Vergangenheit oder Zukunft, haben wir das Gefühl, die Zeit rast und verfliegt, zerrinnt uns in den Fingern.

Was wäre, wenn wir wieder lernen würden, mehr nach unserem natürlichen Rhythmus zu leben? Uns erlauben würden, uns von äußeren Zwängen und Erwartungen mehr und mehr frei zu machen? Uns den Raum geben, Zeit intensiv und bewusst zu erleben, indem wir achtsam ganz in der Gegenwart sind, anstatt ständig getrieben zu versuchen, Minuten und Stunden eines Tages einzusparen, um noch mehr, noch schneller zu schaffen, indem wir möglichst  5 Dinge gleichzeitig tun.

Wenn wir am Ende eines Jahres zurückblicken und uns fragen, was wir erlebt haben, an was wir uns erinnern, dann sind es häufig erschreckend wenige Tage, die im Gedächtnis bleiben. Es sind die Momente, die wir bewusst erlebt haben, die unser Herz berührt haben, an die wir uns erinnern. Und die übrigen Tage, die wir im Hamsterrad, im Tun, im Ego verbracht haben, verschwimmen meist in der Erinnerung zu einem grauen Brei…hiervon bleibt nichts. Denn sie sind nicht wirklich. Sie sind Illusion.

Je mehr Momente (Zeit), wir bewusst erleben, umso mehr haben wir das Gefühl von Fülle in unserem Leben und in unserem Zeitempfinden. Zeit, die bleibt, sind nicht die im Kalender gefüllten Tage, nicht die effizient genutzten und nicht die, an denen möglichst viel geschafft wurde. Zeit, die bleibt, ist die bewusst erlebte, die mit Herz und Seele wahrgenommenen Augenblicke voller Präsenz und Gegenwärtigkeit. Momente, in denen wir ganz bei uns sind, uns verbunden fühlen. Häufig sind es genau die Situationen, in denen wir mal NICHTS gemacht haben und einfach nur SIND. Kommen wir mehr vom TUN zum SEIN.

Hören wir also auf unserer Zeit hinterherzurennen, sie einzusparen, zu investieren aus Angst sie zu verlieren. Wir gewinnen Zeit, wenn wir sie loslassen – wie so vieles im Leben.

Hierfür gibt es nur einen Weg: den Weg nach innen. Wer sich nach mehr Zeit sehnt, muss häufiger aus dem Hamsterrad aussteigen und eine Pause im TUN einlegen. Gerade dann, wenn wir das Gefühl haben, uns fehle auch hierfür die Zeit. Innehalten und den inneren Raum aufsuchen zum Beispiel in der Meditation. Meditieren bedeutet das Lösen aus der Identifikation mit dem Selbst und der Identifikation mit der äußeren Welt und ihren Dimensionen von Raum und Zeit. In der Meditation öffnet sich eine Bewusstseinsebene, die unabhängig ist von der Zeit. Wir erfahren das Gefühl von Allverbundenheit und Zeitlosigkeit. In tiefen Meditationserfahrungen können sich Ewigkeitserfahrungen offenbaren.

Meditieren bedeutet den Raum von Unendlichkeit zu betreten. Hier erfahren wir das befreiende Gefühl von Zeitlosigkeit, nachdem wir uns alle sehnen.

 

There are 2 comments for this article
  1. Julia at 17:53

    Ein sehr schöner Artikel, liebe Maria, den gerade zu dieser Zeit viele Menschen lesen sollten. Für mich ist der Dezember auch immer ein Monat der Besinnlichkeit, in dem ich mich viel und gerne zurückziehe, mir Zeit für die Innenschau nehme, das endende Jahr reflektiere und neue Pläne schmiede. Ich liebe es, mir zu dieser Jahreszeit ganz viel Zeit für mich zu nehmen. Vielen Dank für den schönen Beitrag <3

    • Maria Author at 22:21

      Liebe Julia, danke für Dein Feedback und die Bestätigung 🙂 Ja, daran dürfen wir uns alle immer wieder erinnern! Ich liebe das auch, mir viel Zeit für mich zu nehmen im Dezember und erlebe besonders die Rauhnächte als intensive Zeit der inneren Einkehr. Eine lichtvolle Zeit und alles Liebe. Maria

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